Wo ist dein inneres Kind?

Seit Anfang des Jahres 2017 arbeite ich nicht mehr nur mit Erwachsenen, sondern auch mit Kindern, die meisten sind zwischen drei und fünf Jahren alt. Ich habe mich kürzlich gefragt, was das Besondere an der Arbeit mit Kindern ist und was wir davon in unseren täglichen Umgang mit Erwachsenen übertragen können.

Los geht’s:

Unregulierte Gefühle tolerieren

 Gelegentlich kommt es vor, dass ein Kind aus Überforderung, Wut oder anderen Gründen anfängt, zu schreien, zu weinen, vielleicht auch um sich zu schlagen. Ein natürlicher Impuls ist, den Grund für diese Reaktion zu suchen, eventuell zu beseitigen oder das Kind dabei zu unterstützen, die starken Gefühle auszuhalten: Indem ich es auf den Arm nehme oder mich neben es setze und einfach nur warte, vielleicht versuche ich auch zu fragen, wo das Problem liegt oder das Kind mit Worten zu beschwichtigen. Im Umgang mit Erwachsenen tendieren wir viel schneller dazu, auf uns selbst zurückzufallen: Womit habe ich das verdient, wieso ist man zu mir unfreundlich? Schnell eskaliert ein Streit, wenn wir versuchen, uns immer weiter zu rechtfertigen oder zu verteidigen. Ab und zu kann ein Blick hinter die Kulissen nützlich sein: Bin ich eigentlich gerade gemeint oder sind es vielmehr die äußeren Umstände, die diesen Gefühlsausbruch begünstigt haben? Was kann ich jetzt tun um diese zunächst abzumildern und die Situation zu beruhigen, sodass eine Kommunikation wieder möglich wird?


Uneingeschränkte Zuwendung demonstrieren

 Zuhause türmen sich die unausgepackten Umzugskartons und den Müll müsste man schon längst wieder runterbringen, die Bahn hat schon wieder Verspätung, und dann noch dieses unangenehme Gespräch vorher… Seltsamerweise gestehen wir uns im alltäglichen Umgang mit Erwachsenen häufig problemlos zu, mürrisch und gestresst zu sein und dies den Nächstbesten spüren zu lassen. In meinen Stunden mit den Kindern habe ich das nicht an mir beobachtet: Ganz automatisch scheint klar zu sein, dass dieses Kind eine stabile, wertschätzende und freundliche Grundstimmung braucht, um „leisten“ zu können, motiviert zu sein, sich überhaupt auf die Angebote einlassen zu können. In der nächsten größeren Menschenmenge schauen Sie sich demnächst mal ein paar verkniffene, angespannte Gesichter an und prüfen sich selbst: Was transportiere ich nach außen, gelingt es mit heute, positiv auf andere zuzugehen und sie meine Präsenz und Akzeptanz spüren zu lassen? 


Zeit lassen

 Wenn Sie manchem 3jährigen Kind bei seinen Vorbereitungen für den Gang in den Garten zusehen, kann Ihnen die Zeit lang werden: Da wird mit der Matschhose gekämpft, zwei Beine in ein Hosenbein gesteckt, die Hosenträger sind in den Bund gerutscht. Von den Gummistiefeln, der Regenjacke mit Reißverschluss und der Mütze ganz zu schweigen. Und was mache ich? Ich sitze und warte, weil ich weiß, dass das Kind sich übt! In der Feinmotorik, im Planen und Problemlösen, im Umsetzen beobachteten Verhaltens, wobei es sich die Abfolge der einzelnen Schritte gemerkt hat. Ich schenke uns beiden Zeit, indem ich nicht eingreife und das Kind in Ruhe handeln lasse. Ich bin da, falls nach Hilfe gefragt wird. Geduldig warten zu können und der anderen Person ein anderes Tempo zuzugestehen als das, mit dem wird selber unterwegs sind, bedarf der Übung. In unserer schnellen Welt wird allenthalben Achtsamkeit und Gegenwartsbezug zum Ausgleich angepriesen – Wieso nicht gleich im Alltag damit beginnen?


erstmal Davon ausgehen, dass wir nicht dasselbe Vorwissen haben können

 Es ist ein Allgemeinplatz, dass Sie als Erwachsener dem Kind Wissen voraushaben – weniger selbstverständlich gestehen wir im Alltag anderen Erwachsenen zu, dass ihr Wissen und Denken grundsätzlich anders strukturiert sein kann. Beispielsweise kann eine Person in einem Bereich über deutlich mehr Detailwissen verfügen als Sie – wenn Sie ihr aber gar nicht die Möglichkeit geben, ihr Potential zu zeigen, werden Sie das nie erfahren. Oder Sie argumentieren von einer Flughöhe herab, wo Ihnen die andere Person nicht folgen kann – das kann zu teilweise schweren Verstimmungen führen, wenn Ihre Kommunikation als arrogant eingestuft wird. Zu guter Letzt konstruieren wir uns unsere eigene Realität ohnehin ständig selbst auf der Basis unseres Vorwissens, unserer Erfahrungen, unserer Persönlichkeitsstruktur etc. Dementsprechend können Sie nie davon ausgehen, dass „die Wirklichkeit“ sich beim Gegenüber genauso darstellt. Wenn wir einen Teil unserer Gesprächszeit in den Abgleich unseres Vorwissens investieren, den anderen „da abholen, wo er steht“ gelingt Kommunikation leichter und beide Seiten können profitieren.

Viel Erfolg beim Ausprobieren!