Bürgerliche Wünsche

Um zur Arbeit zu kommen und wieder nach Hause, fahre ich mit der Straßenbahn. Ich verbringe also jeden Tag mindestens eine Stunde in dieser Bahn und nutze die Zeit zwangsläufig auch, um mir Gedanken über die Menschen zu machen, die mit mir fahren. Nicht immer fällt dieses Beobachten zu Gunsten der Beobachteten aus. Letzte Woche stieg ein Mann mit Blindenstock an meiner Start-Haltestelle ein. In dem Gewusel der Ein- und Aussteigenden mit ihrem Fußgetrappel, Kofferrollen, Taschenrascheln und Seitengesprächen konnte ich mir gut vorstellen, dass er sich schwertat mit der Orientierung. Ich glaube, er hätte sich gerne hingesetzt, denn er steuerte mit seinem Blindenstock auf die Sitze der Bahn zu. Er tastete vorsichtig über die Rückenlehne eines Sitzes, um herauszufinden, ob dieser frei war und berührte dabei aus Versehen eine junge Frau an der Schulter.

Was dann passierte, hätte ich mir nicht vorstellen können. Die Frau sprang einfach wortlos auf und setzte sich einige Meter weiter auf einen ebenfalls freien Platz. Natürlich bemerkte der Blinde sofort, dass er jemanden versehentlich angefasst hatte und es war ihm sichtlich unangenehm. Er entschuldigte sich in den Raum hinein, doch niemand antwortete ihm. Niemand sagte ihm, dass der Platz jetzt frei wäre. Sicher 15 Personen in der unmittelbaren Umgebung hatten die Szene beobachtet und keiner fühlte sich berufen, zu reagieren. Ich stand auf und fragte ihn, ob er sich setzen wolle. Er bliebe lieber stehen - ich konnte mir gut vorstellen, dass ihn die Lust verlassen hatte, die paar Stationen bis zu seinem Ausstieg zu sitzen. Womöglich hätte sich ja noch jemand an seiner Behinderung gestört!

Ich merkte, wie mich zunehmend mehr störte, was hier gerade passierte. Die Frau, die wortlos aufgestanden war, war in meinem Alter. Ansonsten waren in jeder Altersgruppe Personen im Waggon, ich konnte im Verhalten keine Unterschiede feststellen. Die Bahn füllte sich, doch der Bereich um den Blinden blieb seltsam frei. Irgendwann wurde die Haltestelle angesagt, an der er aussteigen wollte. Es war zu sehen, dass er bemerkte, dass in einigem Abstand von ihm Menschen standen. Unfähig, jemanden direkt ansehen und ansprechen zu können, wandte er sich in den Raum und fragte, ob er mit jemandem zusammen aussteigen könne, ob eventuell jemand zum gleichen Umsteigegleis müsse. Und ein weiterer Tiefschlag: Er wurde wahrgenommen, gesehen, gehört und verstanden. Und ignoriert.

Wir gingen schließlich zusammen hinaus und kamen ins Gespräch. Ich fragte ihn, wie er so ruhig und höflich bleiben könnte, obwohl im keiner geholfen hätte. Der Mann nannte eine Fülle an Gründen für das Verhalten der Personen in der Bahn. Vielleicht hätten manche ganz vertieft eine Zeitung gelesen oder ein spannendes Buch und deshalb gar nicht mitbekommen, dass er gefragt habe? Vielleicht seien es vor allem Jugendliche oder Kinder gewesen in der Bahn, die nicht gewusst hätten, wie sie sich verhalten sollten? Vielleicht habe er zu spät oder zu leise nach Unterstützung gefragt? Es waren keine Fragen und darüber war ich froh, denn die Antworten hätten zumindest mir nicht gefallen. Und dann sagte er noch, es sei wohl ein sehr bürgerlicher Wunsch von ihm, aber manchmal würde er es doch schätzen, wenn ihm bei den wenigen Dingen, die er schwer allein bewältigen könnte, kurz und freundlich und unkompliziert jemand helfen würde.

Dieser Mann, der zumindest nicht auf deine Art ein Buch wird lesen können in der Bahn, der findet Entschuldigungen für dein Verhalten? Und dir gelingt es nicht, dich hineinzuversetzen in die Schwierigkeiten, mit denen er konfrontiert ist? Wofür du eigentlich nur einmal an einem belebten Platz für ein paar Momente die Augen schließen müsstest und tief in dich hineinhorchen, wie gut sich das anfühlt? Was würdest du dir denn wünschen, wie die anderen sich verhalten, wenn du mal etwas Hilfe brauchst? Mich hat dieses Erlebnis wütend gemacht, und ich war nicht die Betroffene. Der Mann hat mir dann versichert, dass das nur eine Momentaufnahme sei, oftmals würde ihm jemand helfen. Ich hoffe sehr, dass das stimmt.