Alles in Butter?

Liebes Ich,

manchmal stehst du morgens auf und über dir brauen sich schon die Gewitterwolken zusammen. Der Wind weht zu scharf und kalt, der Kaffee ist bitter und die Brezel hart. Die Hose kneift, die Schuhe drücken und die Stadtbahn hat Verspätung. Einmal mit dem falschen Fuß aufgestanden, wird der ganze Tag nichts: Im Supermarkt drängelt sich jemand vor, ständig bist du müde, aus dem Kopierer ziehst du 150 Fehlkopien und sicher war heute auch schon jemand ungerecht oder unfreundlich zu dir. Und käme man dir in solch einer Laune mit motivierenden Sprüchen zum positiven Denken, es würde nicht gut ankommen. "Mach jeden Tag zum schönsten deines Lebens." Ja, wie denn?!

Wir fühlen uns oftmals gegängelt von der Aufforderung, die in solchen Sätzen steckt: "Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied." Du musst deine Einstellung verändern, ein besserer Mensch werden, dein Leben gestalten, damit aufhören, die negativen Schwingungen dein Leben bestimmen zu lassen. Wenn du es nur lange genug versuchst, wird alles gut werden. Doch das fällt schwer zu glauben, denn jeden Tag erleben wir, dass wir von äußeren Umständen bestimmt werden. Die Kita wird bestreikt, der neue Kollege nervt und in der Kantine sind die veganen Würstchen schon aus, wenn du hereingehetzt kommst. Zynisch fragst du dich, wie du diese Situationen durch die Änderung deiner Herangehensweise hättest ändern oder verhindern können.

Liebes Ich,

an dieser Stelle hat bereits eine Fehlinterpretation stattgefunden. Niemand erwartet, dass du die absolute Kontrolle ausübst über Situationen und Menschen, die sich ganz nach ihren eigenen Spielregeln verhalten. Was man aber hinterfragen kann ist der Impuls, jede Ungerechtigkeit und Schlechtigkeit der Welt auf sich zu beziehen. Dinge passieren uns einfach, immer mal läuft etwas schief, auch andere stehen mit dem falschen Fuß auf oder treffen nicht den richtigen Ton. In vielen Situationen lohnt es sich, zu überlegen, was annehmbare Alternativen zu deinem Wunsch wären. Je eingeschränkter und festgefahrener deine Ansprüche sind, desto schwieriger wird es für "die anderen", diese Bedürfnisse zu erfüllen. Bei Themen, die dir nicht ganz so wichtig sind, kannst du vielleicht unvoreingenommen herangehen und vor Ort entscheiden, was die beste Lösung ist. Das ist deutlich entspannender, als schon mit einem fertigen Plan im Kopf aufzutauchen und alles muss dann genau so sein, wie du dir es zuvor ausgemalt hast. Das ist etwas, das du vorher tun kannst, um die negativen Erlebnisse zu verringern. Ganz wichtig ist es auch, sich immer mal wieder zu erlauben, etwas so richtig doof zu finden, so lange man im tiefsten Inneren weiß, dass das jetzt gerade keinen Spaß macht, aber dass es auf jeden Fall endet. Kein Meeting, kein Zahnarztbesuch, keine Fortbildung und kein Kindergeschrei dauert für immer an.

Du kannst auch an der anderen Seite des Problems ansetzen. Oftmals zeigen wir nämlich nicht nur das Verhaltensmuster, Negatives auf uns zu beziehen und lange daran zu kauen. Sondern wir überhöhen es auch, beschäftigen uns am liebsten mit dem Missgeschick. Passiert hingegen etwas Gutes, so nimmst du es kaum wahr, es bleibt nur eine Randnotiz für dich. Insbesondere bei eigener Beteiligung bist du überkritisch: Da hatte ich halt Glück, es war Zufall, die anderen waren einfach nur so schlecht, dass meine Leistung gut ausgesehen hat. Allen Widrigkeiten mit breitem Grinsen gegenüberzutreten und diese als positiv umzudeuten, das kann schwer sein. Aber sich selber Erfolge zu gönnen und die kleinen Dinge im Leben zu feiern, das kann man üben!

 

Liebes Ich,

lass stattdessen los. Höre auf, alles kontrollieren zu wollen. Lass manche Dinge entspannt auf dich zukommen. Nimm gute Dinge wahr, koste sie aus und genieße sie mit allen Sinnen. Zieh dir kuschelige Socken an. Schnuppere am Morgentau. Sei freundlich. Oder wenigstens frech. Finde mal was schlecht, aber nur so lange wie nötig. Schreibe auf, wofür du dankbar bist. Mach eine Reise, baue eine Sandburg, wirf Wasserbomben vom Balkon. Mach die guten Dinge so groß wie möglich, das macht die schlechten Dinge klein - auch wenn sie immer noch da sind.