Marketing in eigener Sache

Wer kennt solche und ähnliche Sätze nicht?

"Mir geht es in meinem Job nicht gut, ich will hier nicht mehr arbeiten, ich komme mit dem Vorgesetzten nicht klar."

"Ich bin gesundheitlich angeschlagen, habe zu viel Stress in meiner momentanen Arbeitssituation."

"Nach der Babypause ist ziemlich viel Zeit verstrichen und langsam wird das gemeinsame Konto schmaler."

"Von meiner Abschlussarbeit bin ich total gestresst und habe fürchterliche Zukunftsängste."

Zum Thema Bewerbungen habe ich folgende Idee: Ich glaube, die meisten Bewerber gehen dann daran, Bewerbungen zu schreiben, wenn die Zeit dafür nicht unbedingt reif ist. Was ich damit meine?

Verständlich ist, dass das alles Situationen sind, in denen eine Bewerbung sinnvoll und / oder notwendig sein kann. Die Frage ist jedoch, was das Ziel einer Bewerbung ist und inwiefern ich mir dabei womöglich selbst im Weg stehe, wenn ich in einer Stimmung wie oben beschrieben ans Werk gehe?

Das primäre Ziel einer Bewerbung ist die Eigenwerbung, wie uns das Wort an sich schon vermuten lässt. Das heißt, ich muss herausfinden, welche Kompetenzen in einer Stellenanzeige gesucht werden: Dann prüfe ich, inwiefern eine Passung zu meinen Qualifikationen besteht. Der wichtigste Teil einer Bewerbung ist die Darstellung meines Werdegangs, meines Wissens, meiner Persönlichkeit und meines Erfahrungsschatzes in einer maximal günstigen Weise. Dazu gehört die adressatenorientierte Verpackung der Bewerbung, aber auch eine auf möglichst große Passung zu den geforderten Eigenschaften ausgelegte und vor allem positive Darstellung.

Es gibt viele Ratgeber, die Tipps geben zum richtigen Aufbau von Bewerbungen, Verhalten in Vorstellungs-gesprächen "et cetera". Viele Bewerber haben aber nicht deshalb Stress, weil ihnen kein erster Satz für das Motivationsschreiben einfällt oder weil sie nicht wissen, ob ein weißes oder hellblaues Hemd souveräner auf den Personaler wirkt. Sondern weil sie sich in einer Bewerbungssituation selbst loben müssen, sich gut "verkaufen" sollen, ihre Stärken betonen möchten - und das nicht nur in Lebenslauf und Anschreiben, sondern im nächsten Schritt auch beim Bewerbungsgespräch, sofern es zu einer Einladung kommt. Eigenlob stinkt? Mag sein, aber wenn ich selbst nicht weiß, was besonders toll und einzigartig an mir ist und wie das dem Unternehmen von Nutzen sein könnte, wie soll ich das dann transportieren, wenn es darauf ankommt?

Doch wann mache ich mich daran, meine positiven Eigenschaften zu sammeln und zu Papier zu bringen? Psychologische Forschung hat gezeigt, dass wir Stimmung als Signal für die aktuelle Situation verwenden, was nicht immer zu günstigen Resultaten führt. So neigen wir in negativer Stimmung dazu, die Situation genau und analytisch zu untersuchen und achten dabei besonders auf Probleme. Kreative Aufgaben lösen wir in positiver Stimmung schneller und besser. Außerdem nutzen wir unsere Stimmung als Information, um bestimmte Fragen zu beantworten. Wenn es draußen regnet, berichten Personen eine geringere allgemeine Lebenszufriedenheit als wenn die Sonne lacht. Eine irrationale Einschätzung, denn unser allgemeines Glück wird doch vermutlich von mehr abhängen als dem Niederschlag - auch wenn dieser mit einem passenden Namen versehen sein mag?

Vor diesem Hintergrund glaube ich, dass ein rapide schmelzender Notgroschen oder eine zeitkritisch fertigzustellende Abschlussarbeit im Nacken nicht unbedingt die besten Voraussetzungen sind, Positives über sich selbst zu sagen und dabei kreativ zu sein. Analytische Tätigkeiten wie die Suche nach passenden Stellen in den einschlägigen Online-Portalen oder die sprachliche und optische Überarbeitung des Lebenslaufs können sicher trotzdem erfolgreich erledigt werden. Was aber Ihre ganz persönliche große, bunte Kiste mit einzigartigen Kompetenzen angeht, so können Sie jetzt schon anfangen, diese zu füllen! Wenn Sie mal wieder richtig gut gelaunt sind, weil die Sonne scheint oder das Essen gut schmeckt oder Sie mit lieben Menschen zusammen sind, denken Sie an diesen Artikel. Überlegen Sie, was andere an Ihnen schätzen, was Sie besonders gut können, worauf Sie stolz sind und schreiben es auf. Und wenn es an das nächste Anschreiben geht, haben Sie den schwersten Teil schon geschafft: das Marketing in eigener Sache!


Reulein, D., & Pohl, E. (2014). Die überzeugende Bewerbung. Wie Sie sich erfolgreich selbst vermarkten. Springer Fachmedien, Wiesbaden.

Ziegler, R. (2014). Mood and processing effort: The mood-congruent expectancies approach. Advances in Experimental Social Psychology, 49, 287 - 355.