Welchen Weg wählen?

Welchen Pullover ziehe ich heute an? Und welches Paar Schuhe? Soll ich Müsli oder Käsebrot frühstücken? Welchen Bus nehme ich? Oder soll ich doch mit dem Auto fahren? Was soll ich studieren? Welchen Arbeitsplatz suche ich mir aus? Und welchen Partner? Ständig sind wir von Entscheidungen umgeben, und es wirkt, als müssten wir uns auch für Möglichkeiten entscheiden, um den Ball am Rollen zu halten. Manches fällt uns leicht, weil die Entscheidung uns nicht besonders wichtig ist oder weil eine Alternative schnell als die bessere identifiziert werden kann: Wenn ich bei der Auswahl des Orangensafts vor allem auf den Preis achte, hilft mir ein Blick auf die Auszeichnung und ein Zurückrechnen auf die Kosten pro Liter sozusagen "entscheidend" weiter. Manche Entscheidungen treffen wir auch eher nebenher und ohne sie zu bemerken, weil vom Ausgang nicht viel abhängt.

Doch es gibt sie, die Situationen, wo wir hadern, uns grämen, uns beinahe das Hirn ausrenken beim Versuch, eine Entscheidung zu treffen. Üblicherweise dann, wenn es wirklich um etwas geht. Was, wenn ich die falsche Entscheidung treffe? Wenn ich diese Arbeitsstelle antrete und dann bemerke, das ist nichts für mich? Insbesondere wenn wir den Eindruck haben, in einem Bereich schon einmal falsch entschieden zu haben, kann das eine Belastung sein und uns zum Zweifeln bringen. Der Druck, sich richtig zu entscheiden, erhöht sich auch, wenn jemand anderes von der Entscheidung mit betroffen ist. Oder wenn es eine ganze Reihe von Alternativen und Aspekten zu berücksichtigen gilt. Und es wird gegrübelt, eine Pro & Contra-Liste wird aufgesetzt, Familie und Freunde werden befragt, dann folgt irgendwann der verschämte Griff ins Ratgeberregal beim Buchhändler unseres Vertrauens. Doch irgendwie hilft das alles nicht so richtig weiter...

 

Die weniger gute Nachricht ist, dass Entscheidungen schwierig bleiben - manche mehr, manche weniger. Ermutigend finde ich jedoch die psychologische Forschung zur kognitiven Dissonanz: Wenn wir uns für etwas entscheiden, schließen wir damit meist eine andere Alternative aus. Das ist unangenehm, man könnte sagen, wir trauern um diese verlorene Möglichkeit. Um diesem Zustand zu entkommen, reduzieren wir die empfundene Dissonanz, was auf verschiedene Arten geschehen kann. Üblicherweise erscheint uns nach einer Entscheidung die gewählte Alternative attraktiver als vor der Entscheidung und die nicht gewählte Alternative weniger attraktiv - somit bestärken wir uns selbst in unserer Wahl! Außerdem lässt sich zeigen, dass wir den Wert einer Alternative höher einschätzen, wenn wir sie bereits besitzen (Endowment-Effekt). Was man hat, das hat man - und möchte es auch nur ungern wieder hergeben.


Nun könnte man natürlich argumentieren, dass dies sowohl auf richtige als auch auf falsche Entscheidungen zutreffen sollte, sodass wir auch unsere Fehler im Nachhinein rechtfertigen und verteidigen. Unbenommen - aber ist es nicht nett von unserem Gehirn, dass es uns so erlaubt, unser Selbstwertgefühl zu bewahren? Uns weiterhin zuzutrauen, gute Entscheidungen zu treffen? Vermutlich ist die Idee von der "falschen" oder "richtigen" Entscheidung ohnehin in vielen Fällen weder nützlich noch realistisch. Die entscheidende Frage ist vielmehr, was anstrengender ist: Eine Enttäuschung oder Unzufriedenheit zu riskieren, wenn wir eine Alternative auswählen? Oder weiter zu grübeln und uns nicht zu entscheiden?


Nataf, C., & Wallsten, T. S. (2013). Love the one you're with: The endowment effect in the dating market. Journal of Economic Psychology, 35, 58-66.

Simon, D., Krawczyk, D. C., & Holyoak, K. J. (2004). Construction of preferences by constraint satisfaction. Psychological Science, 15(5), 331 - 336.