(Last der) Verantwortung

Verantwortung, das ist ein großes Wort und meist kein sonderlich positiv besetzter Begriff. Sagt uns jemand, wir sollen die Verantwortung für unser Tun übernehmen, so horchen wir auf: Wirklich die ganze Verantwortung? Aber die Umstände! Der Zufall! Das Schicksal! Welche Pflichten sind damit verbunden, wenn ich die Verantwortung übernehme? Bin ich dann für das Gelingen des ganzen Projekts verantwortlich? Kann ich womöglich dafür belangt werden, wenn es Probleme gibt? Und dann die ganzen Felder, in denen wir Verantwortung übernehmen sollen: Verantwortung für die Natur. Verantwortung für andere - Nimmt Oma ihre Tropfen? Und nicht zuletzt sollen wir auch noch Verantwortung für uns selbst übernehmen - für unsere Ausbildung, unsere Gesundheit und unseren Körper, für Geist, Seele, Liebesleben und allgemeines Glück. Da kann man sich schon mal überfordert fühlen:

"Jeder ist für alles vor allen verantwortlich." [Fjodor M. Dostojewskij]

Nur konsequent ist es deshalb, dass wir dazu zu tendieren scheinen, die Verantwortung "abzuschieben". Ausgangspunkt spannender psychologischer Untersuchungen war ein Mordfall, der sich 1964 in New York ereignete. Obwohl mindestens 38 Zeugen die Messerattacke auf eine Frau beobachteten, kam ihr keiner der Beobachter aktiv oder passiv zu Hilfe. Dieses Verhalten wird als Zuschauereffekt bezeichnet und zwei Einflussfaktoren spielen dabei eine wichtige Rolle: Zum einen ergibt sich durch mehrere Zuschauer eine sogenannte Verantwortungsdiffusion, das heißt der Einzelne erlebt sich nicht mehr als Person, die zwingend eingreifen sollte, denn die Verantwortung verteilt sich auf viele Personen. Stattdessen vermutet jeder, dass der andere schon etwas tun wird und dazu wahrscheinlich auch besser geeignet wäre. Zum anderen entsteht durch Beobachtung der anderen, ebenfalls nicht handelnden Zuschauer der Eindruck, dieses passive Verhalten wäre angemessen, der Vorfall vielleicht auch weniger gravierend als zunächst angenommen (pluralistische Ignoranz).

 

Es ist leicht einzusehen, dass die Nicht-Übernahme von Verantwortung in diesem Beispiel gravierende Folgen hatte. Doch was gewinnen wir, wenn wir in unserem Leben die Verantwortung übernehmen, ja sogar an uns reißen? Die Stichworte sind Authentizität, Sinnstiftung im Privaten und Beruflichen und Identifikation mit Zielen und Werten. Statt uns hilflos zu fühlen, können wir gestaltend tätig  sein und dabei noch andere inspirieren. Coaching als Veränderungsbegleitung legt aus diesem Grund großen Wert auf die Eigenverantwortung des Klienten für Themen, Aufträge und die Bewertung der Ergebnisse. Und wenn wir gemeinsam unsere Erfolge feiern, erleben wir unser Hinauswachsen über die bisherigen Möglichkeiten!


Fischer, P., Greitemeyer, T., Pollozek, F., & Frey, D. (2006). The unresponsive bystander: Are bystanders more responsive in dangerous emergencies? European Journal of Social Psychology, 36, 267 - 278.

Schumacher, S. (2014). Die psychologischen Grundlagen des Social-Engineerings. Information- Wissenschaft & Praxis, 65(4-5), 215 - 230.