Der richtige Affe


Nehmen wir an, Sie lebten als Schimpanse im Wald und müssten an Nahrhaftes wie Nüsse, Honig oder Insekten kommen. Schnell würden Sie feststellen, dass es lohnenswert ist, auf verschiedene Materialien aus Ihrer Umwelt zurückzugreifen, um Ihr Ziel zu erreichen. Ein beherztes Stochern im Termitennest mit einem langen Stock hat schon so manche Zwischenmahlzeit gerettet. Nehmen wir weiter an, Sie würden Ihre Anverwandten im nahegelegenen Urwald besuchen. Dann kann es passieren, dass Sie bei diesen Schimpansen ganz andere Werkzeuge zu sehen bekommen, und zwar nicht, weil die Snacks dort grundsätzlich verschieden zu dem sind, was Ihnen schmeckt. Stattdessen ist es eine Frage der Kultur, ob mit dem Holzklotz oder doch lieber mit dem Stein auf die Nussschale eingeklopft wird. Wieso Kultur? Die Präferenzen für bestimmte Werkzeuge werden innerhalb der Gruppen über die Generationen weitergegeben, wodurch sich je nach Region eine bestimmte Methodik verfestigt. Der kleine Schimpanse schaut also Mutter und Vater beim Termitenangeln zu und denkt sich seinen Teil.

Nun sind wir auch nur Menschenaffen und dementsprechend schauen wir uns von sogenannten Modellen ebenfalls einiges ab. Machen Sie die Probe und bringen Sie beim nächsten Kindergeburtstag neben Geschenken auch das „Sch…“-Wort mit. Sicher haben Sie bald viele neue Freunde (KindergärtnerInnen und Eltern nämlich). Aufgrund unserer Ausstattung als soziale Tiere sind wir geradezu dazu geboren, durch Nachahmung die Welt zu erschließen. Dies formulierte z.B. Albert Bandura in seiner ‚Theorie des sozialen Lernens‘ (1963). Durch Beobachtung geeigneter Modelle prägt sich der Lernende ein bestimmtes Verhalten ein und kann dieses später abrufen, nachahmen und feinjustieren. In einigen denkwürdigen Experimenten konnte die Forschergruppe um Bandura zeigen, dass Kinder sich das rabiate Verhalten eines Erwachsenen merken (die Person verprügelt in dem gezeigten Film eine Puppe) und hinterher nachahmen. Der Grad an nachgeahmter Aggressivität variiert allerdings, je nachdem, ob das Modell im Film für die Tat belohnt wird.

Positiv betrachtet liegt der große Vorteil des Modelllernens in der Möglichkeit, sich vollständig neue Inhalte zu erschließen, zu denen der Lernende noch kein Vorwissen besitzt. Außerdem ist es möglich, Verkettungen von Handlungen zu erlernen, ohne dass die einzelnen „Bausteine“ verstärkt werden müssten (z.B. durch explizite Belohnung). Voraussetzungen für das Lernen am Modell sind bewusste Wahrnehmung, Abspeichern des Erfahrenen im Gedächtnis, Erinnerung und Nachahmung (der Bewegungsabläufe) und Verfestigung des Verhaltens / Motivation zur weiteren Ausführung. Besonders gut klappt es mit dem Nachahmen, wenn die Handlung meisterbar ist sowie zum Erfolg führt und wenn das Modell für den Lerner emotional relevant ist. Idealerweise entdeckt der Lernende im Modell Ähnlichkeiten zu sich selbst, findet die Modell-Person sympathisch und kann das Verhalten mehrfach beobachten.

Geht es also am Ende vielleicht manchmal darum, sich den richtigen Affen als Vorbild auszusuchen? Denjenigen, der die richtigen Werkzeuge für mein Problem schon hat. Den, der mir ähnlich ist. Und sich erstmal zurückzulehnen und ihm dabei zuzusehen, wie er diese Werkzeuge zur Anwendung bringt? Eine Ermunterung zum Plagiat ist das schließlich nicht - aber etwas Falsches kann ich nicht dabei finden, die eigenen Ideen an den Versuchen relevanter Anderer zu spiegeln und deren Fehler entweder nicht noch einmal oder bewusst ebenfalls zu begehen.

 

Literatur:

Bandura, A. (1965). Influence of models' reinforcement contingencies on the acquisition of imitative responses. Journal of Personality and Social Psychology, 1(6), 589-595

Siegler, R., DeLoache, J., & Eisenberg, N. (2008). Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter

Zum Werkzeuggebrauch bei Schimpansen: http://www.mpg.de/5772333/werkzeuggebrauch_schimpansen